Nachruf Joachim Beyer

Joachim Beyer ist tot. Hochbetagt, ist er im Alter von 89 Jahren in Hanau gestorben.

1948 kam er, der Mecklenburger, nach Hanau um an der Zeichenakademie zu studieren. Merkte dann, wie auch andere Schüler vor und nach ihm, dass es sich um eine Goldschmiedeschule handelt und um keine Kunstakademie – er blieb aber trotzdem, und wurde 1951 Lehrer für Körper- und Naturzeichnen an der Zeichenakademie. Er übte dieses Amt von 1951 – 1988 aus. Ganze Schülergenerationen der Zeichenakademie Hanau wurden auch durch seinen Unterricht nachhaltig geprägt.

Ein lichtdurchfluteter, hoher Zeichenraum, am Fenster hängen eine oder auch mehrere Marionetten, das war mein Eindruck als ich das erste Mal zum Zeichenunterricht bei Joachim Beyer ging. Ein Moment, den man nie mehr vergisst.

Zur Marionetten-AG der Zeichenakademie, die 1964 von ihm gegründet wurde, gehören zu dürfen war eine besondere Auszeichnung. Puppen wurden zum ausgewählten Stück gebaut, angezogen und aufgeschnürt, Text aufgenommen, Musik zugeordnet, es wurde geprobt, geprobt, geprobt und am Ende stand die große Aufführung, die auch ein Mal – 1968 beim Wettbewerb des Deutschen Instituts für Puppenspiel in Bochum den 2. Preis eintrug. Vieles gab es beim Marionettentheater spielerisch zu lernen, aber auch viel Disziplin war von Nöten um das große Ganze nicht zu gefährden. Die letzten Aufführungen fanden,  ein lange geträumter Traum von Joachim Beyer, im Komödienhaus in Hanau-Wilhelmsbad statt, hier hatten sie endlich den passenden Rahmen.

Während des Unterrichts lagen immer Bücher über Künstler im Raum, zum Blättern, zum Kennenlernen, so wurde den Schülern manches nahegebracht, ohne Zwang, ganz nebenbei. Durch ihn habe ich zum Beispiel den japanischen Zeichner Hokusai kennen gelernt, wie gesagt ganz nebenbei.

Er war uns Vorleser von Belletristik, zum Beispiel von Stefan Zweigs Schachnovelle und anderem, während wir Schüler über der Perspektive – ins Besondere über Ellipsen zur Ring- oder Gefäßdarstellung – schwitzten und Hand und Auge der gewünschten Form annäherten, machte das die Formen zwar nicht gefügiger aber durchaus leichter zu bewältigen

Wenn er, während des Zeichenunterrichts, eine der im Raum hängenden Marionetten aufnahm, sie laufen, gestikulieren ließ, sie zum Leben erweckte und besonders wenn sein Liebling „Der Geiger“ in solch einer Situation spielen durfte, so waren das unvergessliche Momente, die den besonderen Flair seines Unterrichts mit ausmachten. In denen wir Schüler aber auch merkten, dass er diese Momente selber – noch vor uns – unbedingt brauchte.

Joachim Beyer wird allen ehemaligen Zeichenakademieschülern, die bei ihm Zeichnen lernten, unvergessen bleiben.

 

Doris Schulz-Wahle, Staatliche Zeichenakademie Hanau